Über das Projekt
Aus einer anfänglichen Kuriosität heraus begann ich nach der Wien-Wahl 2020 eine kleine Recherche zu den Bezirksvertretungswahlen und deren historischer Entwicklung. Mein ursprünglicher Gedanke war, nur einen kurzen Überblick zu bekommen – doch schon nach wenigen Minuten stieß ich auf ein grundlegendes Problem: Auf den offiziellen Kanälen der Stadt Wien finden sich lediglich Ergebnisse ab 1991. Alles davor bleibt unerwähnt, und vor allem fehlt eine zusammenhängende Darstellung, die längerfristige Entwicklungen sichtbar macht.
Genau an diesem Punkt wurde aus einer spontanen Neugier ein richtiges Projekt. Ich nahm mir vor, diese Lücke zu schließen. Über Wochen und Monate sichtete ich alte statistische Jahrbücher und Wahlbroschüren. Dabei ging es nicht nur darum, Zahlen zu sammeln, sondern sie auch in eine Form zu bringen, die Vergleiche möglich macht. Schritt für Schritt entstanden Tabellen, Übersichten und Zeitreihen, die einen Blick auf über 70 Jahre Wiener Bezirksgeschichte erlauben.
Besonders spannend war für mich die Erkenntnis, wie stark sich politische Strömungen auf Bezirksebene voneinander unterscheiden können. Während die einen Bezirke seit Jahrzehnten fest in einer Hand sind, wechseln sich in anderen die Mehrheiten ab oder es entstehen neue Dynamiken. Solche Muster werden nur sichtbar, wenn man die Daten nicht isoliert betrachtet, sondern sie in einem größeren historischen Kontext vergleicht. Genau das wollte ich mit diesem Projekt erreichen: Entwicklungen nachvollziehbar machen und politische Veränderungen sichtbar darstellen.
Darüber hinaus halte ich die Wiener Kommunalpolitik für einen entscheidenden Aspekt der Demokratie. Sie ist die politische Ebene, die den Menschen am nächsten ist: Hier werden kleine Hebel in Bewegung gesetzt, die das unmittelbare Lebensumfeld verändern können – sei es bei Fragen der Infrastruktur, der Grünflächen oder der sozialen Angebote. Gerade weil sie so nah am Alltag der Bevölkerung liegt, ist ihre Bedeutung groß. Paradoxerweise wird diese Ebene jedoch in der öffentlichen Wahrnehmung häufig übersehen.
Mit der Zeit wurde klar, dass Zahlen allein nicht das ganze Bild zeichnen. In vielen Bezirken gibt es besondere Ereignisse, kuriose Randnotizen oder unerwartete Wendungen, die in keiner Statistik auftauchen. Ob es interne Streitigkeiten in einer Partei waren, ungewöhnliche Wahlergebnisse, die von nur wenigen Stimmen entschieden wurden – all diese Details sind es, die Bezirksgeschichte lebendig machen. Aus diesem Grund habe ich die sogenannten „Fun Facts“ erstellt: kleine Geschichten am Rande, die das trockene Zahlenmaterial auflockern und Einblicke in die Eigenheiten der Wiener Bezirkspolitik geben.
Heute erfüllt mich dieses Projekt mit einer gewissen Freude, weil es zeigt, wie viel man entdecken kann, wenn man bereit ist, etwas tiefer zu graben. Es richtet sich nicht nur an Politikwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, sondern an alle, die Interesse an Wien, an Politik oder schlicht an Geschichte haben. Denn am Ende geht es darum, wie sich eine Stadt verändert und wie lokale Dynamiken das große Ganze prägen.